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„In 14 Tagen mehr als 100 Operationen"

Interview: Anfang November brechen sie auf zu einem neuen Hilfseinsatz: das Team um Anästhesist Andreas Scholhölter und Anästhesiepfleger Martin Leidner wird zum fünften Mal in einem kleinen Krankenhaus im Herzen Ghanas medizinische Hilfe leisten.Die meisten der zehn Helfer sind am Neustadter Hetzelstift tätig und bringen Urlaubstage ein. Scholhölter und Leidner erklären warum.


Herr Scholhölter, Herr Leidner, was ist die größte Herausforderung für Sie?


Leidner: Wir wissen nie genau, was auf uns zukommt. Das St. Martins Hospital informiert das nähere Umfeld, dass die deutschen Ärzte kommen. Nach einigen Stunden hat sich das herumgesprochen, dann wird es in der Regel gestürmt.


Scholhölter: Improvisation ist alles. Man muss mit wenig auskommen, kann nicht konkret planen. 70 Prozent unserer Patienten sind Kinder, die das Leben noch vor sich haben, manchmal an banalen Erkrankungen sterben müssen, weil es keine medizinische Versorgung gibt. Oft haben wir Notfälle wie Kaiserschnitte, Blinddarmdurchbrüche, offene Knochenbrüche, blutende Eileiterschwangerschaften oder Tumore. Und natürlich Buruli Ulcus, eine dort weit verbreitete Geschwürerkrankung, unter der vor allem Kinder leiden.


Es gab Wartelisten mit jenen Patienten, die sie beim letzten Einsatz vor einem Jahr nicht mehr behandeln konnten. Leben die denn noch?


Scholhölter: Notfälle kamen natürlich nicht auf die Warteliste, die wurden sofort behandelt. Aber der Ansturm war so enorm, dass wir gar nicht alle Menschen verarzten konnten. Patienten mit großen Kröpfen beispielsweise. Das ist nicht lebensbedrohlich, aber die Betroffenen haben einen enormen Leidensdruck, werden als Hexen stigmatisiert.


Leidner: Die durchschnittliche Wartezeit für eine Schilddrüsen-OP im Land liegt bei zehn Jahren - für Menschen, die sich das leisten können. Da ist ein Jahr vergleichsweise kurz.


Spielt bei Ihnen Geld eine Rolle?


Scholhölter: Wir verlangen keinen Lohn, aber das Krankenhaus nimmt einen niedrigen, eher symbolischen Beitrag. Das muss auch sein, aus psychologischen Gründen. Was nichts kostet, scheint oft nichts wert zu sein.


Leidner: Das St. Martin"s Hospital in Agroyesum, in dem wir praktizieren, profitiert vom Einsatz. Gewinne können in die Infrastruktur gesteckt werden - ein positiver Kreislauf.


Scholhölter: Der gynäkologische Stuhl etwa, den wir dieses Jahr mitbringen, kann auch später von den ghanaischen Kollegen genutzt werden. Das ist auch Hilfe zur Selbsthilfe, ein Anreiz, damit die einheimischen Ärzte dort arbeiten wollen.


Über Hilfsorganisationen werden ansonsten meist einzelne Mediziner entsandt. Es scheint ungewöhnlich, dass Sie als zehnköpfige Truppe losziehen.


Leidner: Wir haben bewusst zwei komplette Operationsteams aus je zwei Chirurgen, einem Anästhesisten, einer OP-Schwester und einer Anästhesiepflegekraft. Neben Kollegen aus dem Hetzelstift sind die Chirurgen Johannes Weiß vom Klinikum Mannheim, Klaus Wendel von der BGU Ludwigshafen und die Urologin Karen Czeloth aus Kassel dabei. Als gut aufeinander eingespielte Mannschaft können wir deshalb auch an einem Haus, das wenig Infrastruktur bietet, in 14 Tagen mehr als 100 Operationen machen. Da passt jeder Handgriff.


Andere Menschen gönnen sich im Urlaub eine Verschnaufpause. Sie operieren im Akkord. Ist das erholsam?


Scholhölter: Ja. Man hat schon einen anstrengenden Zwölf-Stunden-Tag von der Sichtung der Patienten zu Sonnenaufgang über die Operationen bis zur letzten Visite bei Kerzenlicht. Aber es sind direkte medizinische Abläufe mit wenig bürokratischen Hindernissen. Unmittelbare Hilfe.


Leidner: In Deutschland wird viel Zeit für Dokumentation und Formalitäten benötigt. Das gibt es zwar auch in Ghana, beschränkt sich aber auf ein notwendiges Minimum. Und trotz Arbeit ist das Umfeld ein anderes: Da hört man die Papageien im angrenzenden Urwald und auf dem Tisch liegen exotische Früchte. Vom Kopf her kann man sich wunderbar erholen.


Sie opfern Zeit, Geld und Herzblut. Was treibt Sie an?


Leidner: Für mich ist das klar der zwischenmenschliche Aspekt. Ich kann mich dort mit Kollegen aus einem anderen Kulturkreis austauschen. Und wir haben sehr schöne, persönliche Kontakte zu den Menschen vor Ort geknüpft, nicht nur innerhalb des Krankenhauses, auch zu den Dorfchefs. Wir werden so herzlich aufgenommen, dass es einfach Spaß macht.


Scholhölter: Wir werden aber auch kräftig unterstützt von Menschen hier aus unserem Umfeld, die sehen, dass ihre Hilfe direkt ankommt. Denen möchte ich herzlich danken. Das gilt auch für die German Rotary Volunteer Doctors, eine familiäre Hilfsorganisation, die uns den Rücken freihält, die Flugkosten übernimmt und die medizinische Versorgung vor allem in Nepal und Ghana aufrecht erhält. Es gibt hier unfassbares Elend, trotzdem sind die Menschen zufrieden und dankbar. Da ist es ein gutes Gefühl, wenn man helfen kann.


Info

Das Interview führte RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Maritta Fischer. Sie wird die Neustadter Mediziner nach Ghana begleiten und über ihre Einsätze berichten. Spenden für die „Aktion Ghana" sind an den Freundes- und Förderkreis Krankenhaus Hetzelstift, Kontonummer: 1000 70 8550 bei der Sparkasse Rhein-Haardt, BLZ 546 512 40, möglich. (taf)

Quelle:
Verlag: DIE RHEINPFALZ
Publikation: Mittelhaardter Rundschau
Ausgabe: Nr.257
Datum: Freitag, den 05. November 2010
Seite: Nr.17
"Deep-Link"-Referenznummer: '6976319'
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