

Von Steffi Mohr
„Guten Morgen, die Schwester ist da." Margit Knauber von „Hetzelstift ambulant" verhält sich bei ihrer Tour von Patient zu Patient wie ein höflicher Gast. Bei den Visiten betritt sie immer absolute Privatbereiche. Das heißt, sie sieht Menschen im Schlafanzug, wäscht sie, wechselt Verbände und Windeln, hilft beim mühsamen Anziehen von Kompressionsstrümpfen, schneidet Fußnägel. Das alles erledigt sie mit einer angenehm gelassenen Selbstverständlichkeit. Nichts Menschliches ist der gebürtigen Neustadterin fremd. Seit zehn Jahren arbeitet sie für den ambulanten Pflegedienst im Hetzelstift.
In jeder Wohnung liegt ein individueller Geruch, hinter jeder Tür erwartet die gelernte Krankenschwester und ihre zehn Kollegen ein anderes Schicksal, beispielsweise das von Elisabeth Schmitt aus Neustadt, die seit 24 Jahren an Multipler Sklerose leidet. In einem schleichenden Prozess raubte die Krankheit ihr die Selbstständigkeit. „Ich bin auf Hilfe angewiesen", sagt sie und breitet im Rollstuhl sitzend ihre Arme aus. Es war ein schwerer Schritt für die heute 59-Jährige, sich vor sechs Jahren an den Neustadter Pflegedienst zu wenden. „Ich war eine aktive, eigenständige Frau, stand voll im Berufsleben, wie mein Mann und mein Sohn auch", erzählt sie.
Im Laufe der Zeit seien ihr die Betreuerinnen „ans Herz gewachsen". „Nicht wahr, Conny, wir verstehen uns", ruft sie der Abteilungsleiterin von „Hetzelstift ambulant" zu. „Ohne eine Vertrauensbasis würde so etwas überhaupt nicht funktionieren", ergänzt Cornelia Neuner. Trotz präziser Minutenvorgaben für die verschiedenen Pflegestufen werde kein Mensch abgefertigt, sagt sie. Manchmal kommen die Pfleger nur, um zu kontrollieren, ob ihr Patient seine Medikamente einnimmt, wie bei Herrn Q. aus Neustadt. „Bei vielen Leuten sind wir die Tagesstruktur", sagt Knauber, „wenn die Schwester kommt, wird aufgestanden, sich fertig gemacht." Der stille Herr Q. hat eine Suchtvergangenheit und ist depressiv. Er ist alleinstehend, hat keine Angehörigen. „Visiten sind häufig auch der Versuch, Menschen aus ihrer Lethargie herauszureißen", erzählt die Pflegerin, die zugibt, dass sie sich oft Gedanken macht, was ihre Patienten mit dem Rest des Tages anfangen, wenn sie wieder weg ist. „Wir kümmern uns um die Grundbedürfnisse, aber wir können keine Familie ersetzen", zieht sie ihre Grenze der Hilfsmöglichkeiten.
Luigi Hohenegger, seit 1988 Geschäftsführer der Ökumenischen Sozialstation der Region mit rund 100 Angestellten, meint, dass durch gesellschaftliche und demografische Veränderungen die ambulanten Pflegedienste künftig wichtiger werden. Auch in Neustadt gebe es immer mehr ältere Menschen, die auf Hilfe angewiesen seien, und weniger Schultern in den Familien, die diese leisten könnten. Die Familien seien „zerfledderter". Er meint damit, dass die jüngeren, mobilen Generationen eher wegziehen vom Elternhaus, unter anderem aus beruflichen Gründen.
Einen Angehörigen zu pflegen, sei in der Regel nicht mit Berufstätigkeit vereinbar. Auch Petra Jentsch, die sich 1996 mit einem häuslichen Kranken- und Altenpflegedienst selbstständig gemacht hat, beobachtet immer wieder: „Gerade in Neustadt leben viele Senioren als Solisten." Für die Angehörigen bedeute die alleinige Pflege oftmals „eine unheimliche Bürde". Jentsch lässt den Zeitaufwand außen vor und weist auf eine andere Belastung hin: „Es ist ein innerer Balanceakt für Kinder, mitanzusehen, wie die früheren Respektpersonen nun wie Kleinkinder versorgt werden müssen." Auch für Eheleute sei es „grausam", wenn der Partner sich etwa aufgrund von Demenz stark verändere.
Die Pflegedienste, die 24 Stunden erreichbar sind, können laut Jentsch gerade in solchen Fällen die notwendige Stütze sein. Angesichts der wachsenden Zahl der Pflegebedürftigen sehen sich weder die großen Dienstleister wie die Ökumenische Sozialstation, noch kleinere Dienstleister wie Petra Jentsch in einem Konkurrenzkampf. „Wir sind Mitbewerber, aber keine Konkurrenten", sagt Hohenegger. „Dafür ist der Kuchen zu groß." Einwurf
Quelle:
Verlag: DIE RHEINPFALZ
Publikation: Mittelhaardter Rundschau
Ausgabe: Nr.178
Datum: Mittwoch, den 04. August 2010
Seite: Nr.13
"Deep-Link"-Referenznummer: '6640583'
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