

Bös muss bös vertreiben
Sie ging immer regelmäßig zur Vorsorge, kann nur den Kopf schütteln über jene, die von „Ängste schüren" sprechen, sagt: „Besser kurz im Zweifel, als zu spät entdeckt": Ingrid S. aus Neustadt verdankt einer Kontrolluntersuchung ihr Leben.
Von Maritta Fischer
Es ist der 18. Januar im vorvergangenen Jahr: Die Mutter zweier Kinder ist beim Frauenarzt, Routinekontrolle. Was sie da auf dem Bildschirm sieht, macht ihr Angst: In ihrer rechten Brust scheint ein Tintenfisch zu wohnen. „Mit Kopf und Tentakeln, die sich im Gewebe ausgebreitet haben", erinnert sie sich. Als ginge sie das alles gar nichts an, registriert sie die besorgte Miene ihres Gegenübers, jenes „Das sieht böse aus", die Dringlichkeit, mit der sie ins Neustadter Brustzentrum geschickt wird.
Gar nichts hat sie ahnen können, sie war weder müde, noch hatte sie sonstige Beschwerden, kam unmittelbar aus dem Skiurlaub, es ging ihr „wirklich prächtig", wie sie sagt. Und plötzlich wird sie herausgerissen aus dem Alltag, ruht auf einer Liege und muss sich eine Gewebeprobe entnehmen, „stanzen" lassen. Wie ferngesteuert habe sie sich gefühlt, berichtet sie. Erst als die Ärztin sagt: „Jetzt lassen Sie mal los, wir sind unter uns", fließen Tränen. Danach fühlt sie sich etwas leichter. „Schlimmer war es, mit der Familie zu sprechen."
Sie bittet ihren Mann zu kommen, informiert die Kinder. Deren Ängste gehen ihr besonders zu Herzen. Die Tochter fragt: „Musst du sterben?" „Was hätte ich denn da antworten sollen?", fragt Ingrid S., und ihr verzweifelter Blick lässt noch heute ahnen, wie schwer ihr diese Antwort fiel: Sterben gehört zum Leben dazu. Das hat keiner in der Hand. „Aber ich habe ihr versprochen, alles, was in meiner Macht steht, zu tun, um zu überleben." Dieses Bekenntnis wird ihr später das Leben retten.
Schon montags ist das Ergebnis da, eine niederschmetternde Diagnose: Das Karzinom ist hochgradig bösartig, muss umgehend operiert werden. Wo die 45-Jährige ansonsten auf alternative Heilmethoden, auf Globuli und Bachblüten setzt, verschwendet sie nun „keinen Gedanken daran, ich wollte nur noch dieses blöde Teil so schnell wie möglich raus haben". Es gebe Frauen, meint Ingrid S., die das Restrisiko dadurch senken wollen, dass sie die Brust komplett entfernen lassen. Ihr Weg war das nicht: Zunächst wird im Neustadter Krankenhaus Hetzelstift der Tumor entfernt, in einer zweiten Operation außerdem das umseitige Gewebe. Der Feind wird klassifiziert, darauf die Behandlung abgestimmt. Sie hat Glück: durch die frühzeitige Entdeckung ist der Wächterlymph noch nicht befallen, die Ärzte sehen eine Heilungschance von 80 bis 90 Prozent.
Chemotherapie und Bestrahlungen im städtischen Klinikum Ludwigshafen schließen sich an, ein Auf und Ab an Gefühlen. „Ich habe mir nie Gedanken um das Warum gemacht. Ich habe lieber gekämpft." Die Frau, die sonst selten zur Kopfschmerztablette greift, leidet immens an den Folgen der hochdosierten Infusionen: Was den Krebs töten soll, zwingt auch sie in die Knie. „Das sogenannte Chemobrechen kann man nicht in Worte fassen", sagt sie, versucht es dann doch, spricht von einem „Magen-Darm-Virus hoch fünf". Ingrid S. magert ab, verzweifelt schier, will nicht elend zugrunde gehen, lieber abbrechen und in Würde sterben. Die Familie kämpft, die Tochter fordert: „Du hast mir versprochen, dass Du kämpfst. Du gibst jetzt nicht auf!"
Ingrid S. hat das Bild ihrer längst verstorbenen Großmutter vor Augen, die einst mit dem widerlichen Hustensaft kam, sagte: „Bös" muss bös" vertreiben" - und hält durch.
Nach der Chemo geht es stetig bergauf. Sie lässt zu, dass es ihr schlecht geht, nutzt aber auch die guten Tage, geht walken, unter Menschen. Nach 33 Bestrahlungen gibt der Arzt Entwarnung: „Es wird gut. Aber das liegt auch an Ihrem Typ. Sie haben immer nach vorne geschaut."
Um sich und die Familie zu schützen, hatte Ingrid S. ganz gezielt ausgewählt, wen sie informiert. „Ich wollte nicht Tratschgegenstand sein." Sie ist bei der Stadt angestellt, bringt ihre Chefin in die Zwickmühle: Arbeitet diese abends länger, um der Erkrankten moralisch den Rücken freizuhalten, nicht sofort einen „Ersatz" zu präsentieren, wird es heißen, ihre Stelle könne gestrichen werden.
Sensibler geworden sei sie, sagt sie nachdenklich, habe heute schärfere Antennen für Untertöne als früher, merke sofort, ob etwas ehrlich gemeint sei. Das Wissen um die eigene Endlichkeit macht hellhörig, dünnhäutig gegenüber jenen, die nur für sie da sind, wenn es ihr gut geht, jenen, die ihr nicht mehr in die Augen, sondern nur noch auf die Brust schauen. „Aber diese Krankheit hat für mich auch viel Gutes gehabt", bilanziert Ingrid S., erinnert sich gerührt an Menschen, die ihr danken, für den Lebensmut, den sie trotz Krankheit schenken kann. Die sturmerprobten Beziehungen sind inniger, fester geworden, ihren Mann liebt sie mehr denn je. „Es gibt auch Partner, die ihre Frauen im Stich lassen."
Die einst glatten Haare, vor einem Jahr selbst abrasiert, als sie büschelweise ausfielen, sind inzwischen wieder gewachsen, als Löckchen. Vieles hat sich verändert in diesen Monaten. Sie nimmt ihre Bedürfnisse ernst, sich täglich eine Auszeit, hat Nein sagen gelernt. Einige Bekanntschaften hat sie „gekappt", sie achtet mehr auf ihren Körper. Sie war politisch engagiert, Zeit, die sie nun lieber für anderes nutzt: Familie und Genießen.
„Früher hätte ich nie unterm Baum im Garten gesessen, um die Seele baumeln zu lassen", meint sie. Es klingt, als wäre jene Frau, die immer etwas Wichtigeres zu tun hatte, ganz weit weg. Sie sieht zufrieden aus, gesund, wird nur alle drei Monate bei der Kontrolle bangen müssen. Aber sie ist vielen einen großen Schritt voraus: ist im Hier und Jetzt angekommen.
Quelle:
Verlag: DIE RHEINPFALZ
Publikation: Mittelhaardter Rundschau
Ausgabe: Nr.32
Datum: Montag, den 08. Februar 2010
Seite: Nr.23
"Deep-Link"-Referenznummer: '5892612'
Präsentiert durch DIE RHEINPFALZ Web:digiPaper